Der König, der den Ostfriesen den Tee verbieten wollte – und warum er verlor
Ein König verbietet ein Getränk. Ein ganzes Land trinkt weiter.
Ende der 1770er Jahre will Friedrich II. von Preußen den Ostfriesen den Tee abgewöhnen. Er nennt ihn, so heißt es, ein „Drachengift aus China“. Die Ostfriesen reagieren auf ihre Art: Sie kochen Wasser.
Das Verbot scheitert. Heute trinken die Ostfriesen nach verbreiteten Angaben rund 300 Liter Tee pro Kopf und Jahr, etwa das Elffache des deutschen Durchschnitts. Hinter dieser Zahl steckt ein Ritual mit Regeln, und es beginnt mit einem kräftigen Assam.
Kurz zusammengefasst
- Ostfriesentee besteht überwiegend aus Assam-Sorten und ergibt einen sehr dunklen, kräftigen Tee.
- Das Ritual: Kluntje in die Tasse, Tee darübergießen, Sahne am Rand, nicht umrühren.
- Die Teezeiten: gegen 11, 15 und 21 Uhr.
- Der Maßstab: mindestens drei Tassen. Der Löffel in der Tasse bedeutet: genug.
- Das Teeverbot des preußischen Königs scheiterte.
- Seit dem 9. Dezember 2016 steht die ostfriesische Teekultur im Bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Wie der Tee nach Ostfriesland kam
Um 1610 bringen die ersten Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompanie Tee nach Europa. Ostfriesische Schiffer, die für niederländische Rechnung fahren, bringen ihn vermutlich kurz darauf in die Heimat. Das genaue Jahr ist nicht belegt.
Zunächst gilt Tee als Medizin. Um 1675 wird er nur als Arznei gereicht. Um 1720 gibt es bereits einen umfangreichen Teehandel, und im späten 18. Jahrhundert verbreitet sich der Teegenuss in ganz Ostfriesland, etwa zur gleichen Zeit wie die Kartoffel.
Dieser Tee kommt noch aus China. Wie Indien später zum Teeland wurde, steht im Beitrag Der Mann, der China den Tee stahl.
Der König, der verlor
Friedrich II. hält den Tee für ungesund, womöglich für schädlich. Manche vermuten, dass hinter dem Verbot auch Bierbrauer standen, die um ihr Geschäft fürchteten. Belegen lässt sich das kaum. Für das Verbot nennen die Quellen unterschiedliche Jahre, 1777 und 1778. Schon ab 1768 hatte der König versucht, den Ostfriesen das Teetrinken abzugewöhnen.
Die Ostfriesen denken nicht daran. Am 11. Mai 1779 wenden sich die Landstände in einem Brief gegen das Verbot. Der Streit zieht sich über Jahre. Am Ende gibt der König auf. So wird es überliefert: Ihm waren die ostfriesischen Fischer wichtiger als der Kampf gegen eine Tasse.
Der Tee bleibt unbeirrt. Während der Kontinentalsperre (1806–1814) betreiben die Ostfriesen umfangreichen Schmuggel.
Die Teetied: So trinkt man Ostfriesentee
Die Zeremonie hat Regeln. Sie sind weniger streng, als sie klingen, und sie haben ihren Sinn.
1. Kanne vorwärmen. Mit kochendem Wasser. Eine kalte Kanne nimmt dem Tee sofort die Hitze.
2. Tee dosieren. Pro Person ein Teelöffel, dazu einer extra für die Kanne, bei vier Personen also fünf. Zum Abmessen eignet sich ein Teemaßlöffel aus Edelstahl.
3. Ziehen lassen. Die Kanne zur Hälfte mit kochendem Wasser füllen, 3–4 Minuten ziehen lassen, dann ganz auffüllen. Ein Stövchen hält den Tee warm.
4. Kluntje in die Tasse. Das ist ein Stück Kandis, weiß oder braun. Gießt du den Tee darüber, knistert es.
5. Sahne am Rand. Mit dem Sahnelöffel gibst du die Sahne am Tassenrand dazu. Sie sinkt ab und steigt als „Wulkje“, als kleine Sahnewolke, wieder auf.
6. Nicht umrühren. So schmeckst du nacheinander Sahne, Herbe und Süße.
7. Mindestens drei Tassen. Ablehnen gilt als unhöflich. Ein Löffel in der Tasse oder eine umgedrehte Tasse auf der Untertasse bedeutet: kein Nachschenken mehr.
| Zubereitung | Menge | Temperatur | Ziehzeit |
|---|---|---|---|
| Assam Tippy Golden FOP Blend (Packungsangabe) | 12 g/l | 100 °C | 3–4 Min. |
| Ostfriesische Tradition | 1 TL pro Person, plus 1 TL extra für die ganze Kanne (z. B. 4 Personen = 5 TL) | kochendes Wasser | 3–4 Min. (Kanne halb gefüllt, danach auffüllen) |
Beide Wege landen bei ähnlichen Mengen und 3 bis 4 Minuten mit kochendem Wasser. Ein Assam ist dafür gemacht.
Warum gerade Ostfriesland?
Eine Antwort liegt im Wasser. Das Trinkwasser in Ostfriesland ist weicher, weil es nicht durch Kalkschichten fließt. Weiches Wasser wird oft als günstig für den Teegeschmack beschrieben, ein Grund, der sich schwer beweisen lässt, aber gut zu den Ostfriesen passt.
Die andere Antwort liegt in der Zeit. Im Zweiten Weltkrieg gab es Tee zunächst nur noch in kleinen Rationen, etwa 20 Gramm pro Monat für Erwachsene ab 35 Jahren. Vor dem Krieg lag der Verbrauch ungefähr beim Zehnfachen. Auf den Lebensmittelmarken stand „Teetrinker-Bezirk Weser-Ems“. Wer in Ostfriesland Tee trank, tat das nicht aus Mode.
Der schnelle Check: Wann ist Teetied?
- Gegen 11 Uhr: Elführtje, die Vormittagspause
- Gegen 15 Uhr: die Hauptteezeit am Nachmittag
- Gegen 21 Uhr: Abendtee in vielen Familien
Gäste bekommen traditionell als Erstes eine Tasse Tee.
Was in deine Küche passt
Für die Teetied brauchst du kräftigen Schwarztee, einen Löffel zum Abmessen und eine dichte Dose, damit das Aroma bleibt. Den Assam Tippy Golden FOP Blend beschreiben wir als kräftig und malzig. Dazu passen der Teemaßlöffel aus Edelstahl und eine Teedose. Mehr findest du unter Zubehör & Geschenkartikel.
Ehrlich dazu gehört: Stövchen und Kandis für das Kluntje gibt es bei uns nicht, die findest du im Haushaltswarenhandel. Der Assam ist außerdem keine ostfriesische Mischung, sondern ein Assam, mit dem sich das Ritual gut nachbauen lässt.
Mythencheck: Drei Sätze über Ostfriesentee
„Ostfriesentee ist eine Teesorte.“ Er ist eine Mischung, überwiegend aus Assam-Sorten. Das Ergebnis ist ein sehr dunkler, kräftiger Tee.
„Ohne Umrühren schmeckt er nicht süß.“ Er schmeckt nacheinander süß, herb und mild. Genau das ist der Sinn: Du erlebst Sahne, Herbe und Süße in dieser Reihenfolge, statt alles auf einmal.
„Der Löffel in der Tasse ist Dekoration.“ Er ist ein Signal. Steckt er in der Tasse, bedeutet das: kein Nachschenken mehr. Dasselbe gilt für die umgedrehte Tasse auf der Untertasse.
Häufige Fragen zum Ostfriesentee
Was ist Ostfriesentee?
Eine Teemischung, die überwiegend aus Assam-Sorten besteht und einen sehr dunklen, kräftigen Tee ergibt. Typisch ist auch die Zubereitung mit Kluntje und Sahne.
Wie bereitet man Ostfriesentee zu?
Kanne vorwärmen, pro Person einen Teelöffel Tee und einen extra für die Kanne verwenden, die Kanne zur Hälfte mit kochendem Wasser füllen, 3–4 Minuten ziehen lassen und dann auffüllen. Ein Kluntje kommt in die Tasse, die Sahne am Rand dazu.
Warum rührt man den Tee nicht um?
Damit sich Sahne, Herbe und Süße nacheinander entfalten. Rührt man um, vermischt sich alles zu einem einheitlichen Geschmack.
Was ist ein Kluntje?
Ein Stück Kandis, weiß oder braun, das vor dem Eingießen in die Tasse gelegt wird. Der Tee knistert, wenn er darauf trifft.
Wie viele Tassen trinkt man?
Mindestens drei gelten als Maß. Wer nach der ersten ablehnt, gilt als unhöflich.
Enthält Ostfriesentee Koffein?
Ja. Er besteht aus Schwarztee und enthält natürliches Koffein.
Der Gedanke, der bleiben soll
Ein König konnte den Ostfriesen den Tee nicht verbieten, weil er dort längst keine Ware mehr war, sondern eine Verabredung. Dreimal am Tag, gemeinsam, mit Regeln, die niemand aufschreiben musste. Vielleicht liegen die 300 Liter weniger am Durst als an der Einladung.
Weiterlesen: Ceylon war einmal eine Kaffeeinsel – bis ein Pilz alles veränderte